In einer Online-Masterclass zum Thema „Vom DIZ in die Versorgung – Datennutzung im Klinikalltag“ informierte die auf das Gesundheitswesen spezialisierte Beratungs- und Wachstumsagentur Lemonmint Ende September darüber, wie deutsche Universitätskliniken Gesundheitsdaten dauerhaft nicht nur für Forschungszwecke, sondern auch für die klinische Versorgung nutzbar machen können. Die Referenten aus dem In- und Ausland berichteten über erste Erfahrungen mit Plattformen, die den Datenabruf im Selbstservice und die Nutzung synthetischer Daten ermöglichen.
Unter der Prämisse „Daten sind das neue Öl“ diskutierten Stakeholder des deutschen Gesundheitswesens und internationale Speaker Ende September in der Online-Masterclass „Vom DIZ in die Versorgung – Datennutzung im Klinikalltag“ über die Nutzbarmachung klinischer Routinedaten für die Versorgung. Veranstalter war die auf das Gesundheitswesen spezialisierte Beratungs- und Wachstumsagentur Lemonmint.
Der Hintergrund
Bisher haben klinische Behandler und Teams kaum Zugang zu den Daten in den deutschen Datenintegrationszentren (DIZ). Die DIZ führen Daten aus klinischen Informationssystemen (KIS), Laboren und Primärsystemen von Fachabteilungen zusammen, vereinheitlichen und pseudonymisieren diese. Diese Datennutzung steht bisher primär der medizinischen Forschung in Deutschland offen.
Damit DIZ-Daten zukünftig auch für Behandlungspfade und klinische Prozesse genutzt werden können, braucht es jetzt zum einen technologische Voraussetzungen wie neue Plattformen, zum anderen ein stärkeres Bewusstsein in den Management-Boards. Grundlegende Herausforderungen auf diesem Weg sind Medienbrüche und Qualitätsprobleme, etwa bei fehlenden Laborwerten, sowie der Datenschutz. Besonders die erneute Identifizierung von Patienten nach der datenschutzgerechten Aufbereitung der Daten ist derzeit noch ein aufwändiger Prozess.
Daten als strategische Ressource
Im Krankenhausbetrieb fallen täglich Routinedaten an, etwa über Verweildauer und Auslastung, argumentierte die e-Health-Expertin Claudia Dirks und warf eingangs die Frage auf: „Wie können wir diese Daten für eine bessere Versorgung nutzen?“ Sie verwies auf Ressourcensteuerung und optimierte Versorgungspfade als mögliche Mehrwerte.
Prof. Dr. Tibor Kesztyüs von der Universitätsmedizin Göttingen pflichtete ihr bei: Bei bundesweit 35 Unimedizin-Standorten müsse man die vorhandenen DIZ besser ausnutzen und auf datengetriebene Krankenhäuser hinarbeiten. Er verwies darauf, dass die Daten für Entscheidungsprozesse innerhalb einer Klinik trotz ihrer Verfügbarkeit in der Praxis noch nicht genutzt würden. Die Prozesse hierfür seien für den klinisch tätigen Nutzer zu aufwändig und nicht leistbar, es brauche ein niedrigschwelliges Angebot: „Wir hoffen auf synthetische Daten ohne Datenschutzproblematik“, erklärte er.
Unimedizin Göttingen testet MDClone
So setzt die Universitätsmedizin Göttingen als erstes Klinikum in der EU nun die ADAMS-Plattform von MDClone auf: Implementiert wird diese von UMG-MeDIC, dem dortigen DIZ. „Wir hoffen, dass die Nutzer dies annehmen“, sagte Dr. Kesztyüs. Bei derzeit fast 400 Subsystemen bringe man ihnen die einfache Datenanalyse auf benutzerfreundliche Weise an den Arbeitsplatz. Ob es zu Prozessoptimierungen in der Klinik komme, werde man sehen.
Deutschen Kliniken, die jetzt von der Datenintegration zu einer tatsächlichen Datennutzung und -wertschöpfung kommen wollen, rät Dr. Kesztyüs, Unterstützung von der Klinikleitung einzuholen und auf eine anwenderfreundliche Umsetzung zu achten.
Erfahrungen aus den USA
Julie Johnson von der University of Chicago Medicine berichtete als Gast-Referentin aus den USA: Deutschland sei den Vereinigten Staaten mit seiner nationalen Infrastruktur voraus, sagte sie. Allerdings habe man an der Universität von Chicago seit 2011 ein Clinical Research Data Warehouse (CRDW) in Anwendung, das mit den deutschen DIZ vergleichbar sei.
Hierüber ließen sich sowohl identifizierbare als auch anonymisierte Daten über einen rollenbasierten Zugang abrufen, ein Datendownload finde nicht statt. Johnson berichtete von positiven Erfahrungen mit dem CRDW und verwies insbesondere auf Effizienzgewinne bei der Patientenrekrutierung: Über sechs Pilotstudien hinweg habe man insgesamt 235 Stunden eingespart. Als Beispiel nannte sie die Rekrutierung von 50 Typ-1-Diabetes-Patienten, die innerhalb kürzester Zeit identifiziert werden konnten.
Selbstservice und synthetische Daten
Armin Scheuer von Lemonmint bezeichnete die DIZ in seinem Vortrag als „Enabler für das datengesteuerte Krankenhaus“. Ziel sei es, dass Ärzteschaft und Pflegende die Daten zukünftig im Selbstservice nutzen könnten. Ein Vorbild sei das Sheba Medical Center in Israel, sagte er. Über die Sofortauswertung von Daten erhalte das Controlling eine neue Qualität, etwa in Meetings. Zudem könne man über synthetische Daten neue Kooperationen eingehen und z. B. auch Studierende, Promovierende, Start-Ups und KI-Systeme bedienen.
Nach seiner Auffassung erhöhen die synthetischen Daten auch den Datenschutz, da sie zwar auf realen Daten basieren, jedoch nicht real sind. „Synthetische Daten simulieren das statistische Verhalten der Ursprungskohorte und eignen sich daher für gewisse Arbeitsschritte“, stellte er klar.
„Wir können es uns nicht mehr leisten, die Daten nicht zu nutzen“
e-Health-Expertin Claudia Dirks
In einer Abschlussrunde resümierten die Referenten über dauerhafte Mehrwerte für die Versorgung – etwa die Vervielfachung von Datenanalysen durch Self-Service-Zugänge, die Entlastung von IT-Ressourcen und messbaren wirtschaftlichen Wert.
„Wir können es uns nicht mehr leisten, die Daten nicht zu nutzen“, erklärte Dirks. Das sei für den Standort Deutschland fahrlässig. Scheuer betonte, es komme jetzt darauf an, das Bewusstsein über die Datennutzung auf den Führungsebenen zu platzieren.
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