Nach dem KHZG: Datenverfügbarkeit wird entscheidend

Mi, 21. Oktober 2026 - 20:00
Nach dem KHZG: Datenverfügbarkeit wird entscheidend
Datenverfügbarkeit
Hintergrund

Das deutsche Gesundheitssystem steht an einem weiteren Wendepunkt seiner digitalen Entwicklung. Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) wurden in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen in die Digitalisierung der Krankenhäuser angestoßen. Patientenportale, digitale Dokumentation, moderne Bildgebungssysteme und klinische Anwendungen sind heute vielerorts Standard geworden, zumindest technisch. Doch der strukturelle Effekt dieser Digitalisierung bleibt begrenzt. Digitale Einzellösungen wurden implementiert, aber solange diese nur isoliert voneinander funktionieren, schaffen sie keinen nachhaltig positiven Effekt auf die Versorgungsprozesse.

Mit dem Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG), eingebettet in den Krankenhauszukunftsfonds und weitere Reforminitiativen, verändert sich der Fokus nun spürbar. Weg von der Einführung einzelner Systeme, hin zur Frage, wie Versorgung als vernetztes System überhaupt funktionieren kann. Nicht mehr Digitalisierung als Ziel, sondern vernetzte Versorgung als Anspruch.

Damit verschiebt sich auch die zentrale Perspektive: weg von, welche Systeme und Anwendungen digital vorhanden sind, hin zur Frage, ob die relevante Information im Versorgungssystem dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Von Digitalisierung zur Strukturveränderung der Versorgung

Die aktuelle Reformphase ist kein kurzfristiger Technologiesprung, sondern eine strukturelle Verschiebung im Verständnis von Versorgung. Das KHZG hat den Aufbau digitaler Infrastrukturen ermöglicht. Das KHVVG geht einen Schritt weiter: Es zwingt dazu, Versorgung nicht mehr als Summe einzelner Einrichtungen zu denken, sondern als Netzwerk aus stationären, ambulanten und sektorenübergreifenden Akteuren.

Damit verändert sich die Betrachtungsebene: Im Mittelpunkt stehen nicht mehr einzelne Krankenhäuser oder isolierte IT-Systeme, sondern Versorgungsketten und Netzwerke, die stationäre, ambulante und sektorenübergreifende Leistungen miteinander verbinden. Viele Krankenhäuser haben in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Digitalisierung ihrer internen Prozesse gemacht. Viele Systeme wurden modernisiert, aber nicht als Teil eines gemeinsamen Versorgungsökosystems vernetzt. Daten existieren, aber sie sind nicht durchgängig nutzbar.Diese Fragmentierung zeigt sich überall dort, wo Versorgung Kontinuität braucht: bei Einweisungen, Verlegungen, Befunden oder der Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus und ambulantem Sektor. Genau in diesen Momenten wird sichtbar, dass Digitalisierung allein noch keine verlässliche Datenverfügbarkeit schafft.

Die Ursache liegt dabei nicht nur in der historischen Heterogenität der Systemlandschaften, sondern vor allem darin, dass es häufig keine konsequent durchgängige Ebene gibt, die diese Systeme in ihrer Gesamtheit verbindet.

Interoperabilität ist keine Schnittstellenfrage

Interoperabilität wird im Alltag häufig als technisches Schnittstellenproblem verstanden. Das greift zu kurz. Standards und Frameworks wie HL7 FHIR, DICOM oder IHE-Profile sind dafür unverzichtbare Bausteine. Sie definieren, wie medizinische Informationen strukturiert, beschrieben und zwischen Systemen ausgetauscht und verstanden werden. Sie sind jedoch keine einmalige Lösung an sich, sondern bilden die Grundlage.

Denn sie beantworten noch nicht die entscheidende Frage: Wie wird aus einer Vielzahl standardbasierter Austauschmechanismen ein konsistentes, verlässliches Datenbild im realen Versorgungsgeschehen? Hier entsteht die eigentliche Lücke zwischen standardisiertem Datenaustausch und operativ nutzbarer Datenverfügbarkeit. Diese Lücke wird nicht durch einzelne Schnittstellen geschlossen, sondern durch eine übergeordnete Interoperabilitätsarchitektur. Sie definiert, wie Identität, Zugriff, Austausch und Governance über Systeme hinweg organisiert werden. Interoperabilitätsplattformen bilden einen zentralen technischen Baustein dieser Architektur.

Sie realisieren die notwendige Integrationsinfrastruktur zwischen den Systemen und ermöglichen den standardbasierten Austausch von Gesundheitsdaten auf Basis etablierter Standards wie FHIR, DICOM und IHE. Ohne diese architektonische und technische Schicht bleiben Standards isolierte Bausteine. Es entstehen punktuelle Integrationen, hohe Komplexität und inkonsistente Datenflüsse und Systeme, die zwar technisch verbunden sind, aber kein gemeinsames, verlässliches Informationsbild erzeugen.

Von lokalen Initiativen zu vernetzten Versorgungssystemen

Viele Digitalisierungsinitiativen funktionieren gut, solange sie innerhalb einer Abteilung, eines einzelnen Hauses oder eines klar abgegrenzten Anwendungsfalls bleiben.Herausfordernd wird es dann, wenn diese Lösungen über System- und Organisationsgrenzen hinweg wirken sollen. In diesen Momenten zeigt sich, dass Integration nicht linear skaliert. Jede neue Verbindung erhöht Komplexität, schafft neue Abhängigkeiten und verstärkt bestehende Brüche in der Datenlogik.

So entstehen digitale, aber operativ fragmentierte Versorgungssysteme. Spätestens dann wird deutlich, warum Interoperabilität nicht auf Projektebene gelöst werden kann, sondern eine langfristige Architektur- und Infrastrukturfrage ist.

Das Beispiel H3 (Hamburg): Wenn Infrastruktur entscheidet

Das telemedizinische Netzwerk der H3-Initiative in Hamburg zeigt exemplarisch, was das in der Praxis bedeutet. Es verbindet unterschiedliche Organisationen innerhalb einer Region und ermöglicht den strukturierten Austausch klinischer Informationen über institutionelle Grenzen hinweg.

Die technische Machbarkeit ist dabei selten das eigentliche Problem. Entscheidend ist die Architekturentscheidung am Anfang. Dazu gehören standardisierte Austauschformate, ein verlässliches Patientenmatching über Systeme und Organisationen hinweg und eine Governance-Struktur, die nachvollziehbar macht, wie Daten fließen und genutzt werden. Diese Elemente machen letztendlich aus, ob Informationen im entscheidenden Moment verfügbar sind oder nicht.

“Mit die wichtigste Erkenntnis aus dem Aufbau von H³ ist: Vernetzte Versorgung lässt sich kaum erreichen, wenn jede Organisation für sich digitalisiert. Sie braucht eine gemeinsame interoperable Infrastruktur – basierend auf einheitlichen Standards und klaren Verantwortlichkeiten. Nur dann können Informationen sicher und zuverlässig über Organisationsgrenzen hinweg verfügbar gemacht werden. Gemeinsam mit Founda und Unity haben wir mit dem Aufbau der Zentralen Infrastrukturkomponente das Fundament für unser regionales Netzwerk gelegt – damit die richtigen Informationen dann verfügbar sind, wenn sie für die Versorgung gebraucht werden. ” - Greta de Haas, H³ Projektkoordination Der europäische Rahmen verschärft den Druck

Mit dem European Health Data Space (EHDS) entsteht ein neuer regulatorischer Rahmen für den Austausch von Gesundheitsdaten in Europa. Für DACH bedeutet das: nationale Lösungen müssen zunehmend europäisch anschlussfähig gedacht werden.Das erweitert die Perspektive über regionale und nationale Versorgungsnetzwerke hinaus. Interoperabilität ist nicht mehr nur eine Frage regionaler Versorgung, sondern wird Teil eines europäischen Datenraums, der Versorgung und sekundäre Datennutzung stärker miteinander verbindet. Die Richtung ist eindeutig – offen, standardbasiert, föderiert. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie gut bestehende Systeme und Organisationen diesen Übergang schaffen.

Der entscheidende Hebel

Erfolgreiche Organisationen unterscheiden sich heute weniger durch den Grad ihrer Digitalisierung als durch ihr Verständnis von Datenverfügbarkeit als operativer Fähigkeit. Sie behandeln Information nicht als Nebenprodukt von Systemen, sondern als zentrales Element der Versorgung selbst. Sie bauen auf offene Standards, denken Governance von Anfang an mit und verstehen Interoperabilität nicht als einmaliges Projekt, sondern als langfristige Architektur für vernetzte Versorgung.

Vor allem aber akzeptieren sie, dass diese Transformation nicht in einem Schritt passiert. Sie ist ein Aufbauprozess technisch, organisatorisch und kulturell zugleich. Deutschland hat mit dem KHZG und dem KHVVG die Grundlage für diesen Wandel gelegt. Jetzt geht es darum, die vorhandenen digitalen Strukturen durch eine interoperable Architektur und die notwendige technische Infrastruktur zu verbinden. Die eigentliche Arbeit beginnt damit, aus einzelnen digitalen Lösungen ein vernetztes Versorgungssystem zu entwickeln, in dem Informationen dort verfügbar sind, wo sie für die Versorgung benötigt werden.

Denn am Ende entscheidet sich Qualität nicht daran, wie viele Systeme digital sind, sondern daran, ob Information im entscheidenden Moment im Versorgungssystem ankommt. Founda arbeitet mit Krankenhäusern und Gesundheitsnetzwerken in ganz Europa zusammen, um die in diesem Artikel beschriebene Interoperabilitätsinfrastruktur aufzubauen und damit einen kontinuierlichen, standardbasierten Zugriff auf klinische Daten über Systeme, Standorte und Versorgungsstrukturen hinweg zu ermöglichen. Für Organisationen im DACH-Raum, die sich den Anforderungen des KHVVG stellen und sich auf den European Health Data Space vorbereiten, stellt Founda die Plattformschicht bereit, die Datenverfügbarkeit operativ zuverlässig macht.

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